Wenn es um Blutgruppen geht, denken die meisten an A, B, AB oder 0 – vielleicht noch an „positiv“ oder „negativ“. Doch hinter diesem einfachen Schema verbirgt sich ein komplexes System aus Hunderten von Merkmalen. Ein internationales Forschungsteam hat nun erstmals den Blutgruppentyp MAL beschrieben, der jahrzehntelang im Hintergrund für lebensbedrohliche Komplikationen verantwortlich war.
Wie Blutgruppen wirklich entstehen
Blutgruppen beruhen auf winzigen Strukturen auf der Oberfläche roter Blutkörperchen, den Antigenen. Diese Moleküle bestehen meist aus Proteinen oder Zuckerketten. Das Immunsystem erkennt sie wie Namensschilder und unterscheidet so zwischen körpereigenen und fremden Zellen.
Trifft Blut mit unbekannten Antigenen auf einen Organismus, der passende Antikörper dagegen gebildet hat, kann das fatale Folgen haben: Die fremden roten Blutkörperchen verklumpen und werden zerstört, Blutdruck bricht ein, Organe werden geschädigt. Deshalb prüfen Kliniken vor jeder Transfusion sehr genau, welche Blutgruppe kompatibel ist.
Seltene Blutgruppen – ein riesiges Problem für Kliniken
Mehr als 300 verschiedene Blutgruppen sind bislang beschrieben – die bekannten Systeme ABO und Rhesus sind nur die Spitze des Eisbergs.
Seltene Blutgruppen gelten in der Fachsprache als rar, wenn weniger als vier von 1000 Menschen sie tragen. Diese Varianten entstehen durch genetische Besonderheiten, die in bestimmten Regionen der Welt häufiger sind als in anderen.
In Europa sind die meisten Kombinationen gut erfasst, doch gerade bei Menschen mit Wurzeln in Afrika oder in isolierten Populationen tauchen immer wieder unbekannte Muster auf.
Das rätselhafte Antigen AnWj
Eine zentrale Rolle in der Geschichte des neuen Blutgruppentyps spielt ein bestimmtes Antigen namens AnWj. Frühere Untersuchungen zeigten: Etwa 99 Prozent der Menschen tragen dieses Merkmal auf ihren roten Blutkörperchen. Bei einem kleinen Teil fehlt AnWj – und genau dann kann es kritisch werden.
Die genetische Spurensuche führt zum MAL-Gen
Über Jahrzehnten sammelten Labore weltweit Blutproben von Menschen, deren Zellen AnWj nicht trugen. Einige Proben stachen heraus: Hier fehlte AnWj ohne erkennbare Krankheit – nachweislich schon seit Geburt.
Mit moderner Genomtechnik verglichen Forscher die Erbinformation dieser Menschen und fanden Besonderheiten im sogenannten MAL-Gen. Bei allen AnWj-negativen Personen fanden sie Veränderungen im MAL-Gen, das dafür verantwortlich ist, dass das Oberflächenprotein auf den roten Blutkörperchen nicht entsteht.
Wie der neue Blutgruppentyp MAL definiert wurde
Als klar wurde, dass das MAL-Gen und die AnWj-Eigenschaft zusammenhängen, war der Weg frei, daraus ein eigenes Blutgruppensystem abzuleiten. Fachgremien bewerten solche Vorschläge streng: Es reicht nicht, ein ungewöhnliches Merkmal zu finden – die genetische Grundlage und die klinische Relevanz müssen nachvollziehbar sein.
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Im Fall von MAL konnte gezeigt werden, dass Menschen ohne funktionierendes MAL-Gen eine eigenständige immunologische Besonderheit tragen. Bildet ihr Immunsystem Antikörper gegen AnWj, reagieren sie auf Spenderblut mit AnWj hochsensibel.
Konsequenzen für Blutbanken und Patientensicherheit
Mit der offiziellen Anerkennung des MAL-Systems können Labore gezielt nach dieser Besonderheit suchen. Früher mussten sie mühsam durch Antikörpertests herausfinden, warum Spenderblut bei bestimmten Patienten gefährliche Reaktionen auslöste.
Für Menschen mit seltenen Merkmalen bedeutet das mehr Sicherheit. Kliniken können passende Blutkonserven gezielt vorhalten oder rechtzeitig organisieren. Auch in der Schwangerschaftsvorsorge gewinnt das Thema an Bedeutung: Konflikte zwischen dem Blut von Mutter und Kind können so besser eingeschätzt und behandelt werden.
Was Patientinnen und Patienten daraus mitnehmen können
Die wenigsten Menschen kennen mehr als ihre ABO- und Rhesusgruppe. Wer eine auffällige Transfusionsvorgeschichte hat, etwa unerwartete Reaktionen auf Blutprodukte, sollte seinen Arzt gezielt darauf ansprechen. In Spezialzentren lässt sich prüfen, ob seltene Merkmale wie MAL eine Rolle spielen.
Warum Genetik bei Blutgruppen immer wichtiger wird
Mit klassischen Labortests stößt man bei seltenen Blutgruppen schnell an Grenzen. Antikörper sind nicht immer eindeutig, manche Reaktionen bleiben diffus. Der Blick ins Erbgut liefert dagegen klare Muster: Ein bestimmter Gendefekt führt zu einem klar definierten Merkmal – wie im Fall von MAL.
Begriffe kurz erklärt
- Antigen: Molekül auf einer Zelle, das vom Immunsystem erkannt wird.
- Antikörper: Eiweißmolekül im Blut, das gezielt an bestimmte Antigene bindet.
- Genmutation: Veränderung der Erbinformation, die Aufbau oder Funktion eines Proteins verändert.
- Genotypisierung: Untersuchung, welche Varianten eines Gens ein Mensch trägt.
Die Einordnung des MAL-Systems
Die Einordnung des MAL-Systems zeigt, dass die Forschung auch nach Jahrzehnten noch versteckte Ebenen im Blut findet. Für Blutspendedienste, Transfusionsmediziner und Betroffene mit seltenen Merkmalen ist das mehr als nur eine akademische Randnotiz: Sie gewinnen ein Werkzeug, um riskante Situationen frühzeitig zu erkennen und besser zu handeln.









