Straßenbau in Holland legt uraltes Handelsschiff frei – Forscher staunen

Straßenbau in Holland

Die Geschichte beginnt auf einer Baustelle in der Straße „De Promenade“ in Wijk bij Duurstede, wo die Stadt die Kanalisation erneuert und eine Versickerungsanlage für Regenwasser anlegt. Für Wissenschaftler normalerweise nichts Ungewöhnliches – eher klassischer Tiefbau-Alltag.

Doch plötzlich ragt ein ungewöhnlich geformtes Stück Holz aus der Grube. Der ehrenamtliche Archäologie-Fan Danny van Basten vom „ArcheoTeam“ erkennt sofort, dass dieses Holz anders ist. Er informiert die Stadtverwaltung, die daraufhin Fachleute vom Museum Dorestad und der Stiftung „Beheer Vikingschip“ hinzuzieht.

Die Entdeckung eines Schiffsbauteils

Als das Holz schließlich vorsichtig geborgen wird, zeigt sich seine wahre Form: etwa 3,20 Meter lang, rund 30 Zentimeter dick und deutlich bearbeitet. Kerben, Ausbuchtungen und eine geschwungene Form lassen das Stück wie ein Schiffsbauteil aussehen. Archäologen identifizieren es als „Spant“ – eine der „Rippen“, die einem Schiffsrumpf seine Form geben. Damit steht fest: Hier liegt kein gewöhnliches Bauholz vor, sondern ein tragendes Element eines größeren Bootes oder Schiffes.

Warum Dorestad den Fund so bedeutend macht

Wijk bij Duurstede ist heute eine ruhige Kleinstadt, doch im frühen Mittelalter war Dorestad einer der wichtigsten Handelsplätze Nordeuropas, von etwa 700 bis 900 n. Chr. Dorestad verband mehrere Welten:

  • Das fränkische Kernland mit seinen politischen Zentren.
  • Die Flusssysteme von Rhein und Nebenarmen ins Binnenland.
  • Die Handelsrouten entlang der Nordsee bis nach Skandinavien und England.

Hier liefen Waren wie Keramik, Textilien und Luxusgüter zusammen. Wer Dorestad kontrollierte, kontrollierte Zölle und Warenströme – und damit auch Macht. In den Chroniken wird der Ort immer wieder im Zusammenhang mit Überfällen aus dem Norden erwähnt.

Die Bedeutung für den Handel und die Skandinavier

Die Region war eine Schnittstelle zwischen Franken und Skandinaviern, Handel, Diplomatie und Gewalt. Ein Schiffsfragment aus dieser Region könnte neue Einblicke in diese komplexen Verbindungen bieten.

Vikingerschiff oder späteres Handelsschiff? Der Streit der Theorien

Ob das Schiff tatsächlich von Wikingern stammt, ist noch unklar. Archäologen arbeiten mit mehreren Hypothesen:

Hypothese 1: Ein Schiff aus der karolingischen Zeit

Viele Merkmale sprechen für eine Datierung ins 8. oder 9. Jahrhundert. Dazu gehören:

  • Die Lage des Fundes im historischen Hafengebiet.
  • Die Bauweise des Holzes mit spezifischen Kerben und Kurven.
  • Keramikfragmente aus dieser Zeit im Umfeld des Fundes.

Ein Schiff aus dieser Zeit könnte zu einer Besatzung aus dem Norden gehören, muss aber nicht. Auch fränkische Werften könnten solche Schiffe gebaut haben.

Eine Kogge aus dem Hochmittelalter

Stadtarchäologin Anne de Hoop warnt jedoch, dass es sich auch um einen Teil einer Kogge aus dem 13. Jahrhundert handeln könnte. Koggen waren typische Frachtschiffe des späteren Mittelalters und verbanden Nord- und Ostsee, später vor allem die Hanse.

Ob karolingisches Schiff oder mittelalterliche Kogge – das Holzstück bleibt ein wertvolles Puzzleteil in der Handelsgeschichte.

Die Datierung des Schiffs mit Dendrochronologie

Um das Alter des Schiffs genau zu bestimmen, setzen die Forscher auf die Dendrochronologie, die Analyse der Jahresringe im Holz. Jeder Baum bildet jährlich einen Wachstumsring, der von Klima und Umweltbedingungen abhängt. Das Muster dieser Ringe lässt sich mit Referenzreihen aus der Region vergleichen, um das Fälldatum des Baumes exakt zu bestimmen.

Die Datierung erfolgt in mehreren Schritten:

  1. Reinigung des Fundes unter kontrollierten Bedingungen.
  2. Entnahme kleiner Proben aus dem Inneren des Holzes.
  3. Vermessung der Jahresringe mit Spezialgeräten.
  4. Abgleich mit regionalen Vergleichsreihen.

Was das Schiffsfragment über den Alltag im Mittelalter verraten kann

Selbst bevor die Datierung abgeschlossen ist, liefert das Fragment viele Informationen. Schiffsreste aus dieser Epoche sind selten, insbesondere in den Niederlanden. Jede Spant hilft, Lücken in unserem Wissen über die mittelalterliche Schifffahrt zu schließen.

Merkmal Mögliche Aussage
Holzstärke Belastbarkeit, typische Transportmengen
Krümmung Rumpfform, geeignet eher für Flüsse oder offene See
Kerben und Zapfen Art der Verbindung mit Planken und anderen Spanten
Werkzeugspuren Verwendete Werkzeuge, handwerkliche Tradition

Der Fund und die Bedeutung für den Handel im Mittelalter

Das Schiff könnte Waren aus Skandinavien, dem Frankenreich und sogar dem Mittelmeer transportiert haben. Archäologische Funde belegen, dass entlang der Flüsse Handelsrouten entstanden, die Ideen, Waren und Technologien verbanden – ein früher Vorläufer globaler Lieferketten.

Was der Fund für die Forschung und die Besucher bedeuten kann

Das Museum Dorestad plant bereits, das Spant nach Abschluss der Untersuchungen öffentlich auszustellen. Für Besucher ist es eine seltene Gelegenheit, ein echtes Bauteil eines mittelalterlichen Schiffs zu sehen und mehr über die damalige Technik zu erfahren.

Für die Wissenschaft ist der Fund ein wertvoller Ausgangspunkt für weitere Fragen: Lässt sich im Umfeld der Baustelle noch mehr Schiffstrukturen finden? Und wie fügt sich dieser Fund in das Bild von Dorestad ein, das bisher hauptsächlich aus schriftlichen Quellen und Einzelstücken besteht?

 

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